Geschäftsmodell: Unverbindlichkeit
Gestern war ich Gast in meiner eigenen Bar. Gar nicht geplant. Ich traf mich mit Rainer, Geschäftspartner Löwe, um vor der Öffnungszeit auf der sonnigen Terrasse zu sitzen und Dinge zu besprechen. Es ging länger als geplant. Die Bar öffnete. Draußen wurde es mit untergehender Sonne kühl, wir zogen rein. Setzten uns an den großen Tisch. Um uns herum kamen Gäste und gingen, saßen neben uns. Viele kannten wir. Man kam ins Gespräch.
Die Bar wurde voll.
Einer der Stammgäste sagte: "Ihr habt echt viele junge Gäste. Hab ich beim letzten Mal schon gedacht".
Für den Kontext: Er ca. 50. Sprach von Gästen zwischen 20 und 30.
"Ja," sagte ich. Und dachte mir, "gut so".
Gleichzeitig wissend, dass er Unrecht hatte. Ihm fehlte nur der Überblick. Wenn man über die sieben Stunden Öffnungszeit in der Bar ist, ändert sich die Crowd permanent. Aber ohne System. Ja, es waren viele „jüngere“ Gäste jenseits seines Alters da. Hätte er etwas durchgehalten, hätte er später auf einer Ü40-Party mitfeiern können.
Wir haben kein demografisch kategorisierbares Publikum. Keine Gruppe, die den Laden dominiert. Nicht in Summe, nicht über die Zeit. Was mich glücklicher nicht machen könnte. Wir haben es geschafft.
Ob Gastronomie den kleingeistigen Mief einer bestimmten Gruppe hat? Menschen fühlen sich halt oft in „ihrer“ Gruppe wohl. Ich nicht. Ich mag Gastronomie, die offen ist und nicht engstirnig nach Kleidung, Alter, Style, Gesinnung filtert.
Einerseits muss man für etwas stehen. Andererseits finde ich es schwierig, solchen Äußerlichkeiten Aufmerksamkeit zu schenken.
Ich glaube, ich liebe unsere Bar aus genau diesem Grund. Das Publikum ist extrem vielfältig. Es gibt keine Gruppe, die typisch für das Le Lion ist. Auch wenn einige Gäste das gerne behaupten.
Die Abende sind kurzfristig, unverbindlich, wechseln schnell. Gäste bleiben in der Regel zwei, maximal drei Stunden. Innerhalb einer Schicht dreht sich das Publikum, die Stimmung, der Vibe zwei-, dreimal komplett. Jede Abend, jede Stunde komplett anders. Stammgäste sind Grundpfeiler der Abende. Aber dazwischen ist alles möglich.
Das ist nichts für jeden. Weder als Gast noch als Mitarbeiter. Ich mag das Unverbindliche. Den „kurzen Bewirtungsvertrag“. Keine zehn Gänge, vier Stunden und 200 Euro Menüpreis, weswegen wir uns nun einen ganzen Abend sehen müssen.
Jeder Drink ist eine Entscheidung. Bleiben wir noch auf einen weiteren Drink?
Alles kann, nichts muss. Meine Bar ist unverbindlich. Deshalb liebe ich sie.